Erntedank – Mehr als eine blosse Zeremonie

Da der Erscheinungszeitpunkt dieser Ausgabe in den Herbst fällt, haben wir uns dazu entschlossen, einen zur Jahreszeit passenden Artikel aus der Rubrik „Kultur & Tradition“ beizusteuern.
Wenn der Jahreslauf die Tage allmählich kürzer und die Temperaturen kühler werden lässt, zeigt sich die Natur noch einmal von ihrer schönsten Seite. Wiesen und Wälder, Felder und Flure – alle präsentieren sie sich in der farbenfrohen Buntheit ihres Seins. Herbstzeit ist auch Erntezeit. Der im Frühling ausgestreute Samen ist zwischenzeitlich herangewachsen und hält nun die Ernte bereit. Um der Natur für ihre Gaben zu danken, fanden sich die Menschen seit jeher nach dem Einholen der Ernte im feierlichen Kreis zusammen, um gemeinsam das Erntedankfest zu begehen. Da die Nahrungsversorgung früher stark von den Witterungsverhältnissen abhängig war, standen die Menschen in einer engen Bindung mit der Natur. Ihnen war bewusst, dass es nicht allein in der Hand des Menschen liegt, wie reichhaltig die Ernte verlaufen wird.

Dank maschinellen Anbau- und Ernteverfahren ist der Ertrag heute nicht mehr so stark von den Witterungseinflüssen abhängig wie früher. Reduziert hat sich jedoch nicht nur die Abhängigkeit der Ernte von den Witterungseinflüssen, sondern auch die gefühlsmässige Bindung der Menschen an die Natur. In aller Selbstverständlichkeit nehmen wir heute unsere Nahrungsmittel zu Billigstpreisen aus den Regalen der Supermärkte. Trotz dieses fortschreitenden Bewusstseinsverlusts über die Herkunft unseres Essens, hat das Erntedankfest seine Bedeutung bis in die Gegenwart nicht vollends eingebüsst. Jedoch wird der feierliche Akt heute fast ausschliesslich nur noch von der Kirche praktiziert, wo sich die Altäre mit Gemüse, Obst, Brot, Getreide und Blumen dekoriert präsentieren. Die Ursprünge des Erntedank-Brauchtums reichen jedoch weit zurück, nämlich bis in die vorchristliche Zeit unserer germanischen Vorfahren, welche Erntedank als ein Dankes- und Opferfest feierten. So wurde beispielsweise der letzte Apfel symbolisch am Baum hängengelassen, ein Eber geopfert und aus den letzten Korngarben des Feldes ein Kranz geflochten.

Achtung vor der Natur = Achtung vor dem Leben
Nach unserer Auffassung geht es nicht ausschliesslich darum, das Erntedankfest stramm nach einem vorgegebenen Handlungsleitfaden zu begehen. Vielmehr soll der innere Kern und die Botschaft dieses wunderbaren Jahreszeitenfestes in seiner Gesamtheit erfasst und verstanden werden. Was genau heisst das?

Die Menschen sollten wieder ein Bewusstsein für den Kreislauf der Natur entwickeln, der sinnbildlich für die Heiligkeit des Lebens steht. Viele verkennen heute, dass nicht Geld und schnöde Luxusartikel, sondern immer noch ausschliesslich die natürliche Schöpfung mit ihren unvergänglichen Naturgesetzen die Quelle allen Lebens darstellt. Unsere moderne Industriegesellschaft ist geprägt von einer gedankenlosen Vergnügungs- und Genusssucht. Die materialistische Wohlstandsblase, in der wir uns augenblicklich bewegen, bewirkt bei vielen Menschen bedauerlicherweise einen Totalverlust jeglicher Naturverbundenheit.
Im Zuge der wachstums- und gewinnorientierten Kommerzialisierung aller Lebensbereiche, hat sich eine gesamtgesellschaftliche Haltung manifestiert, die den Menschen glauben lässt, die Natur dem höheren Profit willen ausplündern und verschmutzen zu können. Diese überhebliche Haltung läuft sämtlichen Naturgesetzen zu wider. Eine Einsicht, die auch Goethe seinerzeit schon festgehalten hat:
„Die Natur versteht gar keinen Spass, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge, sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen.“
Wir müssen uns also im Klaren darüber sein, dass auch wir selber eingebunden sind in diese übergeordnete, ja göttliche Ordnung der Natur. Ob wir es nun wollen oder nicht – wir unterliegen den unwandelbaren Naturgesetzen jeglichen Sein und Werdens. Folglich haben wir unser Dasein so auszurichten, dass es im Einklang mit der Schöpfung steht. Andernfalls verkörpern wir schon jetzt nichts weiter als eine im Untergang begriffene Zivilisation, die sich ihr eigenes Grab schaufelt.

Ändert Eure Lebenshaltung
Es besteht wahrlich kein Zweifel daran, dass wir in einem natur- und menschenzerstörenden System leben. Ein System, dessen Triebfeder das auf unbegrenzten Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsmodell des globalen Turbokapitalismus darstellt. Alle Bemühungen, an diesem lebensfeindlichen System kosmetische Korrekturen durchzuführen, laufen ins Leere, da das System selbst den Konstruktionsfehler darstellt. Dieses zu überwinden, setzt die Bereitschaft des Einzelnen voraus, neu zu denken und zu handeln. An dieser Stelle halten wir einmal mehr fest, dass die angestrebte Veränderung im Grossen nur möglich sein wird, wenn zunächst der Einzelne für sich den Pfad des manipulierten Massenmenschen verlässt und sein alltägliches Verhalten an neuen Wert- und Haltungsmassstäben ausrichtet.

Ehrfurcht vor dem Essen
Alles, was wir tagtäglich konsumieren, stellt ein Geschenk der Natur dar. Im übertragenen Sinne stellen die Gaben der Natur die Früchte der Götter dar. Wir erlauben uns an dieser Stelle, darauf zu verzichten, das Göttliche in irgendeiner Form zu personalisieren oder in ein religiöses Korsett zu pressen, da nach unserer Ansicht der gesamte Kosmos von Gottheiten und Göttlichem durchwirkt ist. Zudem stellen Religionen polarisierende Elemente dar, entlang derer sich die Menschen gerne spalten lassen. Wir wollen nicht missionieren, stellen aber auch niemandem das Recht in Abrede, dieser oder jener Religion anzugehören.

Es spricht Bände für das moralische und ethische Defizit unserer konsumgesteuerten Wegwerfgesellschaft, wenn Industrie, Handel, Grossverbraucher und Privathaushalte jährlich mehrere Tonnen Lebensmittel im Abfall entsorgen. Wo bleiben Achtung und Respekt vor den Gaben der Natur? Wo das gesunde Mass? Wo Moral und Verantwortung? Wo die Freude beim Essen?

Die Menschen sollen wieder lernen, respekt- und andachtsvoll mit ihren Konsumgütern umzugehen. So erhaltenswert und schön das Erntedankfest auch ist, doch die Dankbarkeit gegenüber den mannigfaltigen Gaben der Natur soll sich nicht allein auf an einen zeremoniellen Akt beschränken. Genau so wenig soll sie sich auf einen einzigen Tag im Jahr reduzieren. Jeden Tag ermöglicht die Natur uns das Leben auf diesem Planeten. Folglich haben wir ihr auch tagtäglich mit Wertschätzung und Hochachtung zu begegnen.

Ferner obliegt es uns, auch künftigen Generationen ein vernünftiges Verhältnis zum Essen mit auf den Weg zu geben. Um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen, ist es unabdingbar, unseren Kindern in den entscheidenden ersten Lebensjahren eine sittliche Ess- und Tischkultur zu vermitteln. Gemeinsam am Tisch das Essen einzunehmen, stellt gewissermassen ein Stück Lebenskultur dar, dass den Kindern auch so vorgelebt werden sollte. Wir sollten uns im Klaren darüber sein, dass kein Kind mit schlechten Tischmanieren zur Welt kommt, sondern sich stets das Verhalten seiner Vorbilder (den Eltern und Geschwistern) aneignet.
Das gemeinsame Essen in einer liebevollen Atmosphäre sollte auch in unserer schnelllebigen Zeit noch irgendwo Platz finden. Wenn wir den Esstisch zu einer sozialen Begegnungsstätte machen, könnten wir den Kindern auch einen respektvollen Umgang mit dem Essen vermitteln.
Auch wenn es im ersten Augenblick komisch anmutet, doch was spricht dagegen, sich vor dem Essen die Hände zu reichen und einen kurzen Tischspruch aufzusagen?
Unsere Kultur ist reich an Tischsprüchen. Wir müssen nur den Mut haben, sie aus der Versenkung zu holen und in die familiäre Gemeinschaft einzubinden.

Anbei einige Beispiele:

Erde, die uns dies gebracht,
Sonne, die es reif gemacht,
Liebe Sonne, liebe Erde,
Euer nie vergessen werde.

Der Bauer reisst die Erde auf und wirft das Samenkorn hinein,
Die Sonne reifts im Jahreslauf, wir wollen dafür dankbar sein.

Haben wir uns sattgegessen, wollen wir auch nicht vergessen,
welche Mühe es gemacht, bis es auf den Tisch gebracht.

Wer sich näher mit unseren regionalen Bräuchen und Sitten vertraut machen will, dem empfehlen wir das Buch „Brauchtum Liechtenstein – Alte Bräuche und Neue Sitten“, herausgegeben 2005 vom Alpenland Verlag in Schaan.

singlepost-ic By Impuls Impuls Category: Allgemein